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Einige Gedanke zu unserem 25-jährigen Jubiläum und die Zukunft des Orchesters

 

Eigentlich mag ich keine Jubiläen: Sie sind allzu oft nur ein Vorwand, die eigene Bedeutungslosigkeit oder Eingeschränktheit mit einem Ereignis zu kaschieren, das diese zu deren Gegenteil umkehren soll. Der Anlass wird bedeutender als der Inhalt. Was, oder wem hilft das? Die wirkliche Intensität und Schönheit des Lebens erfährt man nur in den Augenblicken, die uns oft unvorbereitet und unerwartet ereilen. Wenn uns die Werbung vormacht, Glück und Erfolg seien planbar oder gar käuflich, ist dies eine so offensichtliche Platitüde, dass ihr Triumph uns bedenklich stimmen sollte.

Nun steht er da, der Musiker, der manchmal das Glück des Augenblickes beim Spielen erlebt, und muss planen, um überhaupt die Möglichkeit zu schaffen, seine Musik zu Gehör zu bringen. Der Anlass ist gut, viele Freunde sollen kommen und feiern, viel ist zu schaffen: Termine absprechen, Besetzungen festlegen, das Technische klären. Kaum bleibt noch Zeit, die Partitur in die Hand zu nehmen, um alle bedeutsamen Feinheiten zu entdecken und besonders, um sie sich und dem Orchester bewusst zu machen. Es stimmt schon melancholisch, wenn die organisatorische Seite mehr Zeit in Anspruch nimmt als die künstlerische.

Verleugnen dieser Realität ist sicher nicht die richtige Antwort darauf, Erfolg aber nicht das Ziel, sondern wenn überhaupt nur die Folge des wahren Zieles: Der Erfüllung der abstrakten Sprache der Musik mit den Emotionen des Lebens, die uns tagtäglich und viel mehr als wir es wahrnehmen mögen beschäftigen.

Wir haben geplant und organisiert, und jetzt stehen wir vor der schwierigen Aufgabe, nicht das Ereignis „25 Jahre JSO-Lübeck", sondern die Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Ein Abenteuer, das das Risiko des Fiaskos wert ist.

Die Sprache der Musik in ihrer unglaublichen Vielfalt zu verstehen, sie zu differenzieren und zu verdeutlichen, ist das, was in der öden Landschaft der globalisierten Gesellschaft, in welcher Musik allzu oft nur als Gegenpol zur befürchteten Stille verstanden und in den „Hintergrund" gebannt wird, als einzige Erfüllung zu gelten hat. Dieses ist mein einziges Ziel für die Arbeit mit dem JSO und auch jede Mühe wert. Nicht der Applaus oder die Anerkennung sind die Belohnung, sondern die Augenblicke der konzentrierten Intensität, die fast nur noch die unverschlissene Jugend erbringen kann.

Die „nullte" Sinfonie von Bruckner hat für mich und das Orchester dabei eine besondere Stellung: In meinem ersten Konzert 1978 habe ich dieses damals vollkommen unbekannte Meisterwerk einstudiert. Jetzt sitzen die Kinder des damaligen Konzertmeisters im JSO und studieren mit Fleiß und Begeisterung dieselbe Sinfonie. Dieselbe, aber nicht die gleiche, denn viel ist passiert dazwischen im Orchester und nicht zuletzt bei mir. Damals war das Spielen im JSO in konkurrenzloser Landschaft ein begehrtes Ziel für die musizierende Jugend. Sorgen musste ich mir als Dirigent eher um die technische Qualität der SpielerInnen als um die Menge oder das organisatorische Engagement machen. Heute muss sich das Orchester in einer fast professionellen Landschaft von Jugend-Orchestern behaupten, und die Sorgen liegen eher im Organisatorischen als in der Qualität der SpielerInnen. Was an Qualität dazu gekommen ist, ist an Engagement verloren gegangen. Heute erwartet „man", dass die Organisation stimmt. Diese wird kaum noch von dem Orchester, sondern eher von ehrenamtlich agierenden Erwachsenen erbracht. Und wenn schon die Sportvereine mit einer großen Plakat-Kampagne um diese Erwachsenen buhlen müssen, ist es umso schwieriger, engagierte für eine so anspruchsvolle Aufgabe wie das JSO zu finden. Geht das JSO daran zu Grunde? Das wäre mehr als schade. Aber die Realität lässt dies erahnen: Werbung ist aus Mangel an Zeit der wenigen noch Engagierten kaum noch möglich, wäre aber bitter notwendig, um die Finanzen und die Stärke des Orchesters konkurrenzfähig zu halten. Die organisatorischen Pannen - nicht selten auch mit finanziellen Folgen - vermehren sich und die Antwort bleibt: Mangel an Zeit, Mangel an Personen. Andere größere Jugendorchester haben daher mittlerweile professionelle Organisatoren, die dafür sorgen, dass die MusikerInnen nur an ihre Musik denken müssen und sich in dieser entfalten können - was letztendlich auch Sinn der Sache ist.

Wir haben geplant und organisiert, und jetzt stehen wir vor der schwierigen Aufgabe, nicht dieses Konzert in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Zukunft zu gestalten.

Ich hoffe, dass diese Zeilen vielleicht jemanden dazu bewegen, sich für diese jetzt so alte und doch so junge Institution zu engagieren, ohne die die Musiklandschaft von Lübeck viel zu verlieren hätte.

 

Ihr Roberto Frontini

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